Roadtrip Adenau (D) nach Kharkiv (UA) - Tag 8 (letzter Tag)

14. Juli 2018 - Von Lubny (UA) nach Kharkiv (UA)

Kilometerstand 4486

So - und weil alle so fein mitgelesen haben, bekommt Ihr hier auch zweimal die Statistik. Einmal am Anfang und einmal am Ende des Artikels. Genaugenommen ist es sogar dreimal Statistik, da es natürlich auch eine Abschlußstatistik gibt. Laut Tacho bin ich gestern 327km gefahren und war schon kurz nach 15.00 Uhr im Hotel. Ich denke, 450km wären auf den ukrainischen Hauptstraßen durchaus machbar - für mich als Gespannfahrer - ohne dass ich mich dabei wirklich kaputt mache. Wieder etwas für die Zukunft gelernt.


Vorweg eine kleine Korrektur. Beim Frühstück heute morgen musste ich feststellen, dass es nicht im Preis von 500 UAH (ca. 16 Euro) enthalten war. Ich habe dann für drei Spiegeleier mit Wurst in einer Eisenpfanne, Brot, sowie zwei Pfannkuchen mit süßer Hüttenkäsefüllung und einer Tasse Filterkaffee noch einmal 124 UAH (ca. 4 Euro) bezahlt. Ändert meine Bewertung des Hotels aber kein bißchen - selbst für insgesamt 20 Euro ist es einfach unschlagbar.


Gestern Abend hat es über dem Hotel noch fürchterlich gewittert und jede Mange Wasser vom Himmel geschmissen. Da mein Seitenwagenkofferraum undicht ist, durfte ich heute morgen erst mal Wasser lenzen. OK - das ist übertrieben, ich habe das eingedrungene Wasser mit einem Lappen ausgewischt.


Da es relativ spät Frühstück gibt, komme ich erst um 9.30 Uhr auf die Piste. So richtig motiviert bin ich nicht. Es ist der letzte Tag des Trips, die Wettervorhersage sagt Regen im Bereich Poltava und Gewitter in Kharkiv voraus. Na toll - da werde ich wohl am letzten Tag doch noch mal richtig nass. Egal - ich muss los.


Schnell noch ein Handyfoto vor der Abfahrt, dann geht es auf die Straße.

IN RUST WE TRUST
Seite an Seite - Idylle und Müll

Ich bin noch gar nicht weit gefahren, da finde ich ein schönes Sonnenblumenfeld am Rand der M 03. Da die Sonne heute morgen besseres Licht bietet - die Sonnenblumenköpfe sind nach Osten gerichtet und die Sonne scheint noch aus Richtung Osten - fahre ich auf einem Feldweg runter und halte nochmal an, um Fotos zu machen. Durch Zufall finde ich dabei ein Motiv, das (leider) typisch für die Ukraine ist. Am Ende des idyllischen Sonnenblumenfeldes ist eine Müllkippe, die übliche Art der Müllentsorgung in der Ukraine. Das muss ich doch genauso einfach mal fotografieren.

Sonnenblumen und Müll

Kurze Zeit später finde ich schon das nächste Motiv. Eigentlich kein echtes Motiv, aber mal eine Dokumentation der Größe der Felder in Ukraine. Nicht nur der Sonnenblumenfelder. Raps-, Getreide- und Maisfelder sind genauso riesig. Was ich später bei der Bildbearbeitung erst sehe - auf dem Foto kann man auch sehr schön den Zustand der Fahrbahn der M03 sehen. OK - das ist nicht überall so - aber teilweise ist es sogar noch schlimmer.

Sonnenblumenfeld und der Flickenteppich der M03

Da ich ausreichend Zeit habe, gleite ich wieder mit 90 - 100 km/h vor mich hin und überlege mir, was ich heute schreiben soll.

Tanken in der Ukraine

OK - wie wäre es mit einigen Infos zum Tanken?


Es gibt in der Ukraine mehr als genug Tankstellen. Manche mehr, manche weniger zuverlässig. Viele meiner Kollegen sind der Ansicht, dass der Sprit oft mit Wasser gepanscht wird, da bei unseren Dieselfahrzeugen die Filter ständig voll Wasser sind. Ich glaube eher, dass es nicht absichtliches Panschen ist, sondern dass die Tankbelüftungen speziell an älteren Tankstellen nicht mehr vernünftig funktionieren und sich dadurch Kondenswasser in den unterirdischen Tanks sammelt, das sich dann im Benzin und Diesel wieder findet. Wenn Ihr also wählen könnt, nehmt moderne und neue Tankstellen. Vertrauenswürdige Tankstellenketten in der Ukraine sind OKKO, Parallel, WOG, AMIC, Shell (diese Aufzählung ist nicht abschliessend). Man erkennt moderne/neue Tankstellen auf den ersten Blick.


Es gibt vier - teilweise sogar mehr - verschiedene Benzin- und zwei verschiedene Dieselsorten (zumindest an den meisten Tankstellen). Üblich sind Benzin mit 92 und 95 Octan, teilweise gibt es auch 98 Octan. Die 92er und 95er Sorten gibt es in zwei Ausführungen. Ich nenne sie mal "einfach" - für ältere Fahrzeuge russischer Herkunft (z.B. Lada, Zaporosch etc.) - und in einer "Euro"-Version. Die ist für moderne Fahrzeuge. Das gleiche gilt für Diesel. Es gibt "normalen" Diesel und "Euro" Diesel. Ich tanke grundsätzlich Euro 95 Octan mit dem Gespann.


Der Preis für einen Liter Benzin liegt zwischen 27 und 33 UAH (0,90 - 1,10 Euro) und ist regional und auch von Anbieter zu Anbieter unterschiedlich.

Selbstbedienung an Tankstellen ist nicht üblich

An den meisten Tankstellen gibt es keine Selbstbedienung. Ein Tankwart erledigt das Tanken und freut sich mit Sicherheit über ein Trinkgeld von 5 oder 10 UAH (0,16 bis 0,32 Euro). Es ist weit verbreitet, dass man erst Geld bzw. Kreditkarte an der Kasse vorzeigen muss, bevor die Zapfsäule freigeschaltet wird.


Und jetzt noch eine Besonderheit: Gerade an den "Schnellstraßen" sieht man oft handgemalte Schilder mit der Aufschrift ДT (DT). Hier kaufen Privatleute Diesel in geringen Mengen aus den Tanks der LKW Fahrer auf, die so im Grunde ihre Firmen betrügen. Diesen Diesel verkaufen sie dann unter Tankstellenpreis weiter. Ich persönlich empfehle, die Finger von solchen Geschäften zu lassen.


OK - ich bin also noch auf der M 03 unterwegs und geniesse meinen Pausen. Die sehen im Grunde immer gleich aus: Zigaretten, Kaffee (in verschiedenen Versionen) und eine Flasche Mineralwasser. Mmmh - hatte ich diesen Satz nicht gestern schon?

Pausenselfie - der Autor faul auf der Wiese an einer Tankstelle
26 Oblaste - Verwaltungsregionen - in der Ukraine

Dieses Foto ist kurz vor Poltawa*, der "Hauptstadt" des gleichnamigen Oblasts, entstanden. Die Ukraine ist in 26 Oblasten aufgeteilt, das sind politische Gebilde, die am ehesten mit unseren Bundesländern zu vergleichen sind, und denen jeweils ein Gouvernour vorsteht. Im Gegensatz zu unseren deutschen Bundesländern haben die Oblasten in der stark zentralistisch geprägten Ukraine aber deutlich weniger Befugnisse.


Der Oblast Poltawa gehört zu meinem Zuständigkeitsbereich und ich bin hier regelmäßig in der "Hauptstadt". Daher kenne ich die Straße von Poltawa nach Kharkiv natürlich schon zur Genüge und habe ab hier ein Heimspiel.


Poltawa grenzt an den Oblast Kharkiv - von hier sind es noch 80km zur Stadt Kharkiv. Hier habe ich auch dieses Foto gemacht, das ankündigt, dass man sich nun im Oblast Kharkiv befindet.

Fast geschafft - noch 80km bis Kharkiv
"Blogposts" auf den Schnellstraßen

In diesem Zusammenhang noch ein kleiner Hinweis zur Polizei in der Ukraine, die an der Grenze zwischen den beiden Oblasten einen permanenten Kontrollpunkt (ukrainisch und russisch: Blogpost) betreibt. Man findet diese Blogposts an jeder Oblastgrenze, allerdings sind sie in der Zentral- und Westukraine nicht immer besetzt. Man erkennt, dass man sich einem solchen Blogpost nähert daran, dass es einen sogenannten Geschwindigkeitstrichter gibt. Die Geschwindigkeit wird erst auf 90km/h, dann nach etwa 200m auf 70km/h und nach weiteren 200m auf 50 km/h reduziert. Daran sollte man sich auf jeden Fall halten. Wer da einfach durchrauscht, kann sicher sein, dass er die Polizei im Nacken hat, die zwar vielleicht nicht am Blogpost steht, aber an jedem dieser Blogposts ein Dienstgebäude hat.


An bemannten Blogposts müssen alle Fahrzeuge bis zum Stillstand anhalten und dürfen erst weiterfahren, wenn sie sich versichert haben, dass kein Polizist sie zur Kontrolle rauswinkt. Auch daran sollte man sich ganz genau halten - sonst: siehe oben.

Nicht nur streunende Hunde auch streunende Katzen

In Valky, etwa 50km vor Kharkiv, mache ich meinen letzten Tankstop und kaufe mir neben Wasser und Kaffee auch zwei Chicken Rolls, die ich dann anschließend mit einer halbblinden Straßenkatze brüderlich teile. An dieser Tankstelle, die wir auch auf unserem Weg nach Poltawa regelmäßig für Kaffeepausen nutzen, sind immer irgendwelche Streuner, seien es Hunde oder Katzen. Nun ja - dieses mal ist es eine Katze. Ich weiss nicht mehr, wie oft ich hier schon Fischkonserven für Katzen gekauft habe.

Etwa 25km vor Kharkiv zeigt sich der Himmel voraus dann in einem dunklen Grau und ich bin mir schon sicher, dass es mich jetzt kurz vor meiner Ankunft doch noch erwischt. Ich habe schon den ganzen Tag alle wichtigen Utensilien, wie Pass und Handy, im Fotorucksack im Kofferraum des Beiwagens, um sie vor Regen zu schützen, da ich nicht vorhabe, bei Regen anzuhalten. Die Regenschauer im Hochsommer hier sind in der Regel kurz und heftig und so vertraue ich darauf, dass ich Falle des Nasswerdens auch wieder trockne.

Харкив - Харьков - Charkiw - Charkow - Kharkiv - Kharkov - sechs Namen für die gleiche Stadt

Am Stadteingang Kharkiv halte ich noch einmal kurz an, um ein Foto zu machen. Die beiden Säulen links und rechts der Straße stammen aus dem Jahr 1954 und zeigen links den ukrainischen Namen der Stadt in kyrillischen Buchstaben (eingedeutscht: Charkiw - international: Kharkiv) und rechts den russischen Namen der Stadt (Charkow/Kharkov).

Ortseingang Kharkiv

Am Himmel ist inzwischen eine geschlossene Wolkendecke, die Pfützen im Bild zeigen, dass es hier heute schon geregnet hat.

Das Ende der Tour

Und wieder ist mir der Wettergott wohl gesonnen - muss wohl daran liegen, dass ich einen Thorshammer um den Hals trage. Ich erreiche gegen 15.00 Uhr meine Wohnung, ohne dass ich nass werde. Erst als ich das Gespann abstelle, fängt es an zu regnen. Über mir höre ich Donner grollen, bleibe aber vom Regen verschont.


Damit ist mein achttägiger Roadtrip von der Eifel nach Kharkiv zu Ende. Glücklicherweise ohne größere Probleme. Ein letztes Foto - diesmal mit dem Handy, da ich im beginnenden Regen die Kamera nicht mehr rausholen möchte - zeigt: Ich bin heute noch einmal 271km gefahren.

Kilometerstand in Kharkiv am Ende des Roadtrips: 4755km

Insgesamt war die Tour laut Tacho damit 2544km lang. Das entspricht in etwa dem, was auch Google Maps mir vorher schon mitgeteilt hat.


Deutlich merke ich, dass mir die Gespannübung fehlt. Meine Schultern sind leicht verspannt - ansonsten geht es mir aber gut. Dieses kleine Abenteuer ist damit zu Ende - jetzt halte ich mal Ausschau nach dem nächsten (zum Glück liest meine Frau hier nicht mit, die wäre überhaupt nicht begeistert).


*Poltawa

Nur ein bisschen Historie: In der Schlacht bei Poltawa (englische Schreibweise Poltava) hat sich die schwedische Armee unter Karl XII. gegen die russische Armee unter Peter I. im Jahr 1709 eine böse Schlappe eingefangen. Die schwedische Heavy Metal Band Sabaton hat dieser Schlacht den Song "Poltava" gewidmet.

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